Ein Bollwerk gegen den Turbo-Kapitalismus

Betriebliche Altersversorgung als vertrauensbildende Maßnahme in Zeiten der Finanzkrisen
Im Zusammenhang mit der betrieblichen Altersvorsorge in Deutschland gibt es Reformbedarf, sagte Thomas Dommermuth beim „Münchner Fachforum Betriebliche Versorgung“ der SLPM Schweizer Leben Pensionsmanagement GmbH in München. Die mittlerweile schon durch die fünf Durchführungswege und drei Zusagearten geschaffene Komplexität
sollte nach Ansicht des Professors für Steuerlehre, Finanz- und Investitionswirtschaft an der Hochschule Amberg-Weiden deutlich reduziert werden.
Das Haftungs- und das Kostenrisiko für die Arbeitgeber muss ebenfalls wieder spürbar vermindert werden, forderte Dommermuth.

Verantwortlich für die nach wie vor geringe Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung in Deutschland sei aber der Vertrieb und dessen falscher Beratungsansatz vor allem
bei kleineren und mittleren Betrieben. Bisher hätten sich alle bAV-Berater nämlich viel zu sehr auf die Ansprache der einzelnen Arbeitnehmer konzentriert statt die Geschäftsleitungen ganzheitlich über den Nutzen für das Unternehmen zu informieren. Angesichts der demografischen Entwicklung ist diese Vertriebsstrategie für ihn unter dem Aspekt der Mitarbeitergewinnung und -bindung ziemlich unverständlich, aber ebenso im Hinblick auf die langfristige Sicherung der Kaufkraft und damit der künftigen Absatzchancen in einer alternden Gesellschaft.

Vermittler haben falschen Beratungsansatz

Der Vertrieb habe zudem außer Acht gelassen, dass sowohl bei den Arbeitgebern wie bei den Arbeitnehmern eine grundsätzlich sehr positive Einstellung gegenüber der betrieblichen
Alterversorgung bestehe. Aus Sicht der Mitarbeiter stelle ein bAV-Angebot des Arbeitgebers ein Zeichen der Wertschätzung dar, zitierte Dommermuth aus einer aktuellen
Umfrage der Financial Times Deutschland. Gleichzeitig messen laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG 75 Prozent aller Unternehmen der bAV in der Zukunft
eine wachsende personalpolitische Bedeutung zu. Mittlerweile könne die betriebliche Altersversorgung zudem nicht nur von den unübersehbar gewordenen Problemen der
gesetzlichen Rentenversicherung profitieren, sondern ebenso vom generellen Vertrauensverlust gegenüber Banken und Versicherern, machte er aufmerksam. Mehr bAV könne daher
inzwischen sogar dazu beitragen, das angeschlagene Image der Marktwirtschaft wieder zu verbessern – und quasi als „Bollwerk gegen den Turbokapitalismus“ fungieren.
Für Dommermuth ist deshalb nicht zuletzt ein erhebliches Defizit bei der Aufklärung dafür verantwortlich, dass nach wie vor bisher nur rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer
über eine betriebliche Altersversorgung verfügt und nach einer Umfrage der Gothaer Versicherung bei kleineren Unternehmen vor allem die Furcht vorherrsche, dass
ihnen durch sie erhebliche zusätzliche Kosten entstehen könnten. Den Arbeitnehmern sollte der Vertrieb weit stärker als bisher vermitteln, dass die bei der bAV erzielbaren Renditen
in der Größenordnung von sechs Prozent inzwischen „einzigartig“ gut seien – und außerdemweitgehend risikolos.

rem
Heft 2 15. Januar 2012 101

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